Shut up and love me


Solo Performance

Das Anfangen ist eine seltsame Sache. Wenn ich nicht darüber nachdenke, weiss ich, was anfangen ist, denke ich aber darüber nach, weiss ich es nicht. Peter Sloterdijk

Dauer: 55 min.

Tanz/Performance: Eva Burghardt
Musik/Sound:
Till Hillbrecht
Bühnenbild:
Flurin Madsen
Dramaturgie:
Peter C. Von Salis
Assistenz:
Antje Velsinger, Mirjam Kleber
Mentor:
Andreas Müller

In Kooperation mit Südpol Luzern, Dampfzentrale Bern und den 20.Tanztagen Berlin, Sophiensaele

Gefördert von: Beatrice und Otto Tschumi Stiftung, Burgergemeinde Bern, Ernst Göhner Stiftung, Schweizerische Interpretenstiftung

Eva Burghardt widmet sich in ihrem Solo „Shut up and love me” den Tücken des Anfangens. Die Performerin überlistet den Bühnentod, spart die Mitte aus und springt gleich ans Ende, welches wiederum nahe am Anfang liegt. Sie ringt mit Entscheidungen, die jedem Anfangen, jedem Auftritt vorangehen. Freiheit und Festlegung, Selbstbestimmtheit und Kontrollverlust wirken als unvereinbare und zugleich untrennbare Kräfte. Die Performerin hinterfragt ihre eigene Präsenz auf der Bühne, hält der glitzernden Scheinwelt des Theaters den Spiegel vor und nistet sich spielend, tanzend und fragend ein im Hier und Jetzt, in das sie sich verirrt hat und dabei wunderbar zurecht findet.

Eva Burghardt greift die Prozesshaftingkeit des Anfanges auf, die beinhaltet, dass jeder Anfang bereits einen oder mehrere Anfänge hinter sich hat. Diese „Anfänge vor dem Anfang“, die unser aller erlebten Erfahrung und Erinnerung voraus-gehen, befinden sich in den Tiefen dunkler Vergangenheit und müssen mühevoll wieder hervorgebracht werden. Es ist die Vorstellung vom Ursprünglichen und Ersten, die uns antreibt, dem Eigentlichen einer jeden Sache auf die Spur zu kommen.

Sie lässt Anfänge aufeinanderprallen, aufeinander folgen oder löst das Ende durch einen Anfang ab. Es stoßen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit aufeinander, die in jedem Anfang enthalten sind. Paradoxerweise wird im jähen Abbrechen des weiterführenden Anfangens sichtbar, dass die Zukunft sich aus der Vergangenheit bedient und bereits im selben Moment unwiederbringlich verloren ist.

Die scheinbare Willkürlichkeit, die in Eva Burghardts Anfängen aufblitzt, wirft ein unerwartetes Licht auf die künstlerische Freiheit. Jeder Moment birgt unendlich viele Möglichkeiten, weist Richtungen, lenkt. Unzählige Entscheidungen lauern hinter jeder Ecke und wollen getroffen werden. Wie kann man diesem Wirrwarr von Gedanken entkommen? Und wer trifft eigentlich wen?

Eva Burghardt stellt die Fiktion ihrer Performance auf die Probe und fragt nach der Glaubwürdigkeit der gemeinsam verbrachten Zeit, heute, hier und jetzt. Sie fragt: Was ist echt, obwohl es Fiktion ist? Wie beweglich ist die Grenze zwischen den Zuschauern und dem Geschehen auf der Bühne?

Zitiert wird eine glitzernde Scheinwelt, wie das Theater sie schafft, bis die Perfomerin unmerklich eine Sprache findet, in der sie vom echten Anfang und von der gelebten Präsenz erzählen kann.

 

Fotos: Barbara Günther- Burghardt, Christian Glaus, Flurin Madsen, Bruce Woolley